Malen, um zu atmen

Als die Projektgruppe Kultur die Räume der Künstlerin Lara Ebert betritt, wird schnell deutlich, dass der romantische Mythos des chaotischen Genies hier auf eine strukturierte und handwerkliche Realität trifft. Wir befinden uns in einem sanierten Gebäude nahe Bad Neustadt, einer ehemaligen Scheune, die Ebert gemeinsam mit ihren Eltern in ein modernes Wohn- und Arbeitshaus umgewandelt hat. Das weiße Atelier hat eine Galerieebene und ist ein Raum, der durch seine Architektur und das einfallende Tageslicht besticht. Diese Elemente prägen, wie sich im Laufe des Gesprächs herausstellt, unmittelbar ihre Kunst. Beim Anblick der Pinsel, Tuben und der Leinwände beginnt Ebert sofort die materiellen Grundlagen ihrer Arbeit zu erklären. Sie zeigt den sechs Schülern den Unterschied zwischen der schnell trocknenden Acrylfarbe und der Geduld fordernden Ölmalerei. Dies diktiert ihren Rhythmus: Oft arbeitet sie an mehreren Werken gleichzeitig oder kehrt erst nach Tagen an eine Leinwand zurück.

Jeder kann das Malen lernen

Bevor die 26-Jährige den ersten Pinselstrich setzt, nutzt sie das iPad, um ihre Motive zu komponieren, vorwiegend ausdrucksstarke Tierporträts wie Tiger oder Löwen. Hier werden Farben verfremdet, Ausschnitte gewählt und Proportionen geprüft. Doch trotz der digitalen Hilfe verortet sie die Grundlage ihres Schaffens nicht in der Technologie. Das iPad ist für sie nur ein effizientes Werkzeug; die wahre Kunst liegt im zugrundeliegenden Verständnis für den Bildaufbau: „Es ist keine große Wissenschaft. Jeder könnte das lernen. Es kommt einfach nur darauf an, was einem in der Schule gezeigt wird.“

Lieber Stärken stärken als auf Schwächen herumzureiten

Mit Blick auf ihre eigene Schulzeit gibt sie den Schülern einen wichtigen Rat für deren Laufbahn mit auf den Weg: „Lieber Stärken stärken, anstatt auf deinen Schwächen herumzureiten.“ Dieser Rat bedeutet für Ebert jedoch nicht, auf Disziplin zu verzichten. Vielmehr eignete sie sich das nötige Handwerkszeug – wie das Wissen über den Goldenen Schnitt oder die Anatomie von Licht und Schatten – gezielt an, um ihre künstlerische Vision überhaupt erst präzise ausdrücken zu können. Eine wichtige Rolle hat dabei die Begegnung mit einem Architekten gespielt, der ihr im Alter von etwa 20 Jahren die akademischen Grundlagen nähergebracht hat. Anhand eines großen Gesichtsporträts demonstriert sie den Schülern diese Präzision der Ästhetik: „Die Nase zum Beispiel hat genau ihren Grund, warum sie an der Stelle ist”.

Jedes Bild ist wie ein Baby, das ich weggebe

Das Gespräch wendet sich der ökonomischen Realität des freien Künstlertums zu – ein Schritt, den Ebert im Vorjahr nach Ausbildung und Grafikdesign-Studium gewagt hat. Die Branche bleibt unbeständig: Auf lukrative Monate folgen oft Wüstenstrecken. Da auch ihre Kundinnen und Kunden Kunst vor allem als emotionalen Wert begreifen, fällt Ebert die Trennung oft schwer: „Jedes Bild ist wie ein Baby, das ich weggebe.“
Doch bevor ein solches Werk das Haus verlassen kann, wird seine Identität von dem Ort geprägt, an dem es „aufwächst“. Für Ebert ist das Atelier nämlich nicht bloß eine Arbeitsstätte, sondern ein aktiver Teil des Entstehungsprozesses. Sie reflektiert bewusst, wie stark die Architektur das Ergebnis bedingt: Während ihrer Zeit in einem alten, düsteren Bahnhofsatelier eher dunkle, schwermütige Bilder entstanden, hat der Wechsel in die lichtdurchflutete ehemalige Scheune ihre gesamte Palette aufgehellt: „Seitdem ich hier bin und viel Licht habe, sind auch meine Bilder heller geworden”.

Flow bei elektronischer Musik

Malen ist für Ebert ein physischer Akt. Sie arbeitet fast ausschließlich im Stehen, oft zu elektronischer Musik, um in einen meditativen Flow zu kommen. Ihre Ausrüstung muss dieser Dynamik standhalten: Sie zeigt auf ihre massive Staffelei, die stabil genug sein muss, um auch energische Einwirkungen zu tolerieren, denn der Prozess ist kraftvoll: „Manchmal musst du wirklich nur so ein bisschen aufs Bild schlagen.“ In ihrer Arbeitsweise vertraut sie als Linkshänderin zudem auf ihre Intuition; sie ist überzeugt, dadurch einen direkteren Zugang zur rechten Gehirnhälfte und damit zu ihrer kreativen Kraft zu haben.

Kunst entsteht im Moment des Loslassens

Neben ihrer eigenen Kunst versucht Ebert, dieses intuitive Wissen weiterzugeben. Sie erzählt von Workshops, die sie für Fach- und Führungskräfte aus der Wirtschaft abhält, etwa für Steuerberater oder Unternehmer. Ihr Ziel ist es dabei, die tief sitzende Blockade „Ich kann nicht malen“ zu lösen und den Zugang zur eigenen Kreativität freizulegen. Dabei stößt sie oft auf den inneren Widerstand des Verstandes, der planend vorausdenkt. Ebert zieht hier eine psychologische Linie: „Kontrolle kommt von Angst.“ Wer krampfhaft versucht, jeden Strich zu kontrollieren, sei es beim Malen oder bei einem Schulreferat, handelt oft aus der Sorge, dass etwas schiefgeht. Doch genau wie man bei einem Vortrag am besten wird, wenn man das Skript loslässt und vertraut, entsteht Kunst erst im Moment des Loslassens. Zweifel und Ängste, betont sie, gehören dazu, aber man darf sich von ihnen nicht lähmen lassen.

Die Künstliche Intelligenz hat keine menschliche Intention

Auch gegenüber der aufkommenden Konkurrenz durch Künstliche Intelligenz zeigt sie sich gelassen. Auf die Frage eines Schülers, ob KI ihre Arbeit ersetzen könne, antwortet sie besonnen und differenziert klar zwischen generierten Bildern und geschaffener Kunst. Dem KI-Bild fehle die haptische Tiefe, die durch Farbschichten entsteht, und vor allem die menschliche Intention. „Das macht es persönlich und wertvoll. Und das wird niemals eine Maschine ersetzen können“, entgegnet sie.

Auf die innere Stimme hören

Genau diese Sehnsucht nach echter, unverfälschter Erfahrung und einer Unmittelbarkeit, die kein Algorithmus simulieren kann, treibt sie nun zu ihrem nächsten großen Projekt an. Um die Verbindung zwischen ihrer Intuition und der realen Welt weiter zu vertiefen, plant Lara Ebert einen radikalen Ortswechsel: Eine Reise nach Südostasien. Dort möchte sie ihre Leinwand direkt in der Natur aufstellen, um Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu studieren. Es ist der Versuch, die Wildnis nicht nur abzubilden, sondern sie im Moment des Malens einzuatmen.
Als die Gruppe sich verabschiedet, gibt sie den Schülern einen Rat mit auf den Weg, der ihre eigene Biografie umspannt: „Hör immer auf deine innere Stimme, weil niemand das für dich tun kann”.

Marcel Proksch

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