Über Mandalas in der Unterstufe
Slow down, you move too fast, you got to make the morning last.
Simon & Garfunkel, The 59th Street Bridge Song
Man sitzt am Tisch, Schweißtropfen auf der Stirn, und der Sekundenzeiger der großen Wanduhr im Klassenzimmer tickt nicht, sondern schlägt viel zu laut. Wenn in der Unterstufe eine Deutschschulaufgabe ansteht, riecht das Klassenzimmer nach Radiergummistaub, Tintenkiller und zwei Dutzend aufgeregten Kindern. Ihre unbeschwerte Leichtigkeit hat sich zu dieser Zeit schon längst durchs gekippte Fenster verabschiedet.
Under Pressure
Draußen mag die Welt weitergehen, doch drinnen, hinter den geschlossenen Türen, bricht eine andere Realität an. Schulaufgaben fordern ungeteilte Konzentration: Wissen muss in diesem Moment abgerufen, sortiert und zu Papier gebracht werden. Der kindlichen Leichtigkeit wird für diese 45 Minuten eine Ernsthaftigkeit abverlangt, die zehnjährige Schülerinnen und Schüler normalerweise nicht haben. Zwischen abgekautem Tintenkiller, blauer Tinte und rotem Stift zieht sich ihre Welt auf einen einzigen Punkt zusammen: „Habe ich das jetzt richtig oder falsch gemacht?“ Diese Frage lässt keinen Platz für bunte oder graue Zonen, denn das verlangte Wissen ist in diesem Moment wie ein Schraubenschlüssel: Das Werkzeug hat keinen Spielraum, wenn es funktionieren soll. Es muss exakt die richtige Form haben, um eine Schraube lösen zu können.
Wenn die feuchten Hände den Stift nach der Abgabe auf den Tisch legen, passiert oft dasselbe: Schülerinnen und Schüler sitzen in der Pause mit noch röteren Köpfen in der Aula, das Smartphone in der Hand und wischen durch die flackernden Bilderfluten von TikTok oder Instagram. Es ist verlockend, die Anspannung des Vormittags mit der Hochgeschwindigkeit der Reels betäuben zu wollen. Doch die Reizüberflutung löscht den Durst nach Ruhe nicht, sie gießt nur Öl ins Feuer. Der Prüfungsdruck fällt zwar ab, aber die Leichtigkeit und Entspannung kommen auf diesem Weg nicht zurück.
Deshalb braucht es dringend Räume, die jedem und jeder das Gefühl vermitteln, auch außerhalb des ständigen Leistungsdrucks zu existieren. Viele Schülerinnen und Schüler erobern sich diese Räume freiwillig zurück, indem sie teilweise beeindruckende Zeichnungen auf ihren Blöcken entwerfen. Im durchgetakteten Alltag von Training, Hausaufgaben und Medienkonsum geht die Ziellosigkeit eines leeren Blattes Papier viel zu früh verloren. Jedoch fängt Kunst exakt da an, wo der Schraubenschlüssel aufhört: Je nutzloser eine Sache ist, desto mehr Platz bietet sie dafür, man selbst zu sein.
Blank Space
Zurück im Klassenzimmer: Teilt man ein Blatt aus und gibt der Situation fünf Minuten Raum, überwinden Schülerinnen und Schüler das „Was genau sollen wir malen?“ und setzen den Stift an. Während aus einem JBL-Lautsprecher sanfte Akkorde wehen, wird die Atmung der Kinder ruhiger. Die Nervosität kann dem meditativen Kratzen und Schraffieren der Stifte weichen.
Wer nun durch die Reihen geht, sieht, wie auf einem streng linierten Deutschpapier weiche Linien wachsen. Das ist keine billige Beschäftigungstherapie: Das Gehirn darf mit ihnen den Panikmodus verlassen. Wer sich dem Ausmalen eines Mandalas oder dem absurden Schraffieren eines Karopapiers hingibt, schickt die Logik in die Pause.
Let it go
Künstlerisch tätig zu sein schafft nämlich einen emotionalen, von der Leistungswelt abgetrennten Raum. In sich versunken, stumpf und ziellos ein Mandala zu zeichnen, verschafft wieder einen Zugang zu sich selbst, legt den inneren Kern wieder frei. Auch wenn Gefühle in der Leistungsgesellschaft keinen guten Stand haben, sind sie es, die uns steuern: Entwicklungspsychologisch sind Gefühle viel älter und schneller, viel lauter und weitaus dominanter als das analytische Denken, das die Bildungslandschaft formt. Wenn eine Elfjährige minutenlang mit einem blauen Stift eine Form nachzieht, erschafft sie sich einen eigenen Rückzugsort. Für eine halbe Stunde existiert sie in einer Welt ohne Konkurrenz, ohne Leistungsnachweis und ohne Ziel. So kann sie die Müdigkeit oder Überforderung des Alltags wahrnehmen und verarbeiten.
Kunst ist keine Verhärtung, sondern eine Entscheidung für eine weichere Welt: Sie erlaubt es jeder und jedem, die eigene Anspannung, Wut und Erschöpfung spürbar zu machen. Alles, was wir zur Beruhigung brauchen, ist schon längst in uns und muss nicht von außen hinzugefügt werden. Kunst hilft uns dabei, diese inneren Ressourcen freizulegen.
Smells Like Teen Spirit
Dann holt uns der Alltag wieder ein. Es ist 10:10 Uhr und plötzlich unterbricht die Pausenglocke die Stunde. Dann werden die Mandalas meistens achtlos zusammengefaltet und verschwinden zwischen der entleerten Tupperdose, einem welken Apfel und dem Deutschbuch. Wer das beobachtet, dem stellt sich unweigerlich die Frage: War das jetzt Kunst?
Vielleicht müssen wir aufhören, Kunst im Kloster Wechterswinkel, in alten Kirchen oder dem MoMA in Midtown Manhattan suchen zu wollen. Kunst ist in liebenswürdigster Weise das, was wir tun: Sie drückt sich darin aus, wie wir uns kleiden, wie wir miteinander sprechen und schreiben, wie wir unsere Zimmer einrichten und wie wir miteinander umgehen. Und auch die ungelenken Skizzen von erschöpften Kindern an einem verregneten Vormittag sind Kunst.
Dust in the wind
Die zerknitterten Blätter werden keinen Notendurchschnitt aufbessern. Sie bringen in der Leistungswelt absolut nichts und sind vollkommen nutzlos. Genau deshalb erfüllen sie die wichtigste Funktion: Sie sind der ungeschönte Ausdruck dessen, dass hinter der Fassade, die man im oberflächlichen Alltag wahrnimmt, noch jemand steckt. Sie sind ein Beweis dafür, dass wir keine nur noch nützlich funktionierende Maschinen sind. Und damit ein kleiner, stiller Protest der Zweckfreiheit inmitten des ohrenbetäubenden Lärms des Erwachsenwerdens.
Marcel Proksch