Mit der 5a zum Welttag des Buches in einer Bad Neustädter Buchhandlung
Nichts lässt einen die Hektik des Vormittags besser vergessen, als wenn man eine Buchhandlung am Bad Neustädter Marktplatz betritt. Sobald die schwere Glastür ins Schloss fällt, schlucken dicke Teppiche und deckenhohe Holzregale jedes Echo des Pulses, den man aus dem Trubel des Schulbetriebs mitnimmt. Mehr noch: Die Lesesessel im hinteren Winkel sind flauschige Liegestühle, in denen man tief einsinken kann. Für gewöhnlich ist ein Buchgeschäft kein Ort der Schule: Hier stranden Menschen, die die Ruhe suchen oder sie längst gefunden haben und die die unaufhaltsame Beschleunigung der umtriebigen Arbeitswelt längst durchschaut haben. Wer stattdessen den leisen, knackenden Widerstand des Buchrückens beim allerersten Aufschlagen vorzieht, kann im Flausch der Sitzmöglichkeit sanft zur Ruhe kommen.
Big City Life
Doch am Dienstag, den 21. April, währt die Stille an diesem Vormittag nur bis zu jenem Moment, an dem die schwere Glastür erneut aufgerissen wird. Siebzehn Fünftklässlerinnen und Fünftklässler stürmen den Raum mit ihrer eigenen Energie, gegen die die Ruhe eines Büchergeschäfts sonst der beste Schutzschild ist. Jacken fliegen mit hundert Worten auf die Sitzgelegenheiten. Ein quirliges Durcheinander flutet die ausgestellten Meditationsschalen. Nur Reiseführer ins große New York scheinen dem Spektakel gelassen gegenüberzustehen und überstrahlen die Situation mit einem unaufgeregten Empire State of Mind. Denn Ruhe kennt man weder in Manhattan noch in Brooklyn. Wenn Kinder zu flüstern versuchen, gleicht das in der Realität einem abgedämpften Schreien, das zigmal vom Meditationsschalen-Gong unterbrochen wird: „PSSSSST, KOMM MAL HER!!!“
Höhlenmalereien und Papyrus
Mittendrin steht Elke Manger. „Wer von euch liest denn richtig gerne?“, fragt sie in die wuselige Runde. Die Resonanz ist, diplomatisch ausgedrückt, ausbaufähig. „Kommt aufs Buch an“, murmelt ein Schüler. Ein anderer sagt: „Ich lese eigentlich nur, um einzuschlafen“. Die Buchhändlerin lässt sich davon nicht beirren: „Stellt euch vor, wir gehen 300.000 Jahre zurück“, beginnt sie und spannt den Bogen von den ersten Höhlenmalereien bis in die Gegenwart. Sie erklärt den Kindern, dass die Menschen damals nicht einfach einen Pinsel hatten, sondern die Farbe mühsam aus Erdpigmenten mischen mussten und sie dann mit einem hohlen Röhrchen gegen die kalte Steinwand pusteten. Dies war quasi das erste Graffiti der Weltgeschichte. „Das war ihre Art zu sagen: Ich war hier“, erklärt sie. Manger führt sie weiter durch die Epochen: Von den Tontafeln der Sumerer über das Papyrus aus Zyperngras bis hin zum Mittelalter, in dem Bücher in etwa so wertvoll waren, dass ein einzelnes Exemplar den Gegenwert eines ganzen Bauernhofs hatte.
Das Knistern von Pergament
Die Buchhändlerin holt daraufhin ein Stück Pergament hervor und reicht es durch die Reihen. Die Oberfläche ist rau und gelblich. „Das sind Tiere?“, platzt es aus einem Schüler mit leichtem Grusel in der Stimme heraus. In der Tat: Pergament ist getrocknete, behandelte Tierhaut. Die Finger der Schülerinnen und Schüler streichen über die faserige Struktur des Materials. „Man muss das Pergament ganz glatt streichen und die Haare abschaben“, erklärt Manger die mittelalterliche Handwerkskunst, die Jahrhunderte überdauern kann.
Um die Kurve zur Moderne zu kriegen, präsentiert sie mit einlaminierten Blättern Fakten und erzählt vom kleinsten Buch der Welt, das so winzig ist, dass man es fast mit einer Ein-Cent-Münze zudecken könnte. Und sie testet ihr Wissen über aktuelle Bestseller. „Wer kennt Gregs Tagebuch?“, fragt sie. Die Hände schnellen nach oben. Die Welt der „Woodwalkers“ und Comic-Romane scheinen das Territorium der Schülerinnen und Schüler zu sein, auch wenn viele in diesem Augenblick nicht zugeben, dass sie die Geschichte am Ende doch lieber als Film bei Disney Plus auf dem Tablet ihrer Eltern schauen. Bevor die Schülerinnen und Schüler wieder unruhig werden, spricht Manger über die Revolution von Johannes Gutenberg, der mit seinen beweglichen Lettern das Wissen demokratisierte.
Smartphone-Apps und Meditationsschalen
Nun strömen die Schülerinnen und Schüler zu den Legosteinen, in die Gänge und der Lärmpegel steigt wieder. Die 5a summt in der Buchhandlung wie ein Bienenschwarm. Wären wir in Toy Story, hätten sich die Meditationsschalen schon längst einen Fluchtplan zurechtgelegt. Sätze, die pädagogisch sinnvoll wirken, funktionieren auf so einer großen Fläche nur noch mittelmäßig. Plötzlich kommt ein Schüler inmitten des Trubels und sagt „Guck mal, das hab ich selber gemacht“ und zückt sein Smartphone mit stolz glänzenden Augen. Er erklärt mit einer Fachkenntnis, die einen alt aussehen lässt, wie er das 3D-Modell an seinem Handy in einer App entworfen hat. „Das dauert fünf Stunden und fünfzig Minuten zum Drucken“, berichtet er stolz. In seiner Hand hält er ein kleines, geometrisch komplexes Objekt aus weißem Kunststoff.
Als Lehrer lässt man sich nach so einer Situation erst einmal in den flauschig weichen Sessel fallen, blendet alle Geräusche aus und blickt auf ein Regal mit nicht gerade optimistischen Buchtiteln wie „TikTok Time Bomb“: Vor 300.000 Jahren pustete ein Mensch Farbe an einen Stein. Vor 500 Jahren goss Gutenberg Blei in Formen. Und heute programmiert ein Elfjähriger in Bad Neustadt seinen eigenen 3D-Druck. In unserer heutigen, wilden, nicht einfachen Zeit ist der Empire State of Mind der stolzen New York-Bücher nötig: Vielleicht ist die Bombe gar keine Bedrohung, sondern nur ein etwas gröberer Wecker für eine neue Ära des Erzählens. Johannes Gutenberg würde sich zwar im Grab umdrehen, aber sich dabei brennend für die Druckgeschwindigkeit der App interessieren. Solange Kinder wie der Fünftklässler mit derselben Leidenschaft ihre 3D-Drucke präsentieren, mit der ein Mönch im Mittelalter seine Initialen verzierte, ist die Zukunft des Buchs, in welcher Form auch immer, gar nicht so düster.
Ruhe und Drama
Und booooom, schon sind wir wieder auf dem Weg ins Klassenzimmer, mit dem Buch „Der fliegende Klassenscooter“ unter dem Arm, das die Klasse zum Welttag des Buchs geschenkt bekommen hat, und mit einem schweren Paket im Gepäck, das an das Sekretariat der Wirtschaftsschule adressiert ist. Hoffentlich bringt es ein bisschen die Ruhe der schweren Glastüre, der dicken Teppiche und der meterhohen Regale in das zeitweise anstrengende Hin und Her der ständigen Aushandlungsprozesse einer Schule mit.
Marcel Proksch