Good Vibrations

Daylight is too easy. What I want is difficult: the atmosphere of lamps and moonlight.

Manchmal gleicht die Schule einem verstaubten Aquarium, in das man frische Fische gesetzt hat. Dieses trübe Gefühl kennen wir alle irgendwoher. Doch hin und wieder kommt unerwartet Bewegung ins Wasser. So wie an diesem 14. April: Eigentlich ein gewöhnlicher Dienstagnachmittag, doch plötzlich pulsiert das Gebäude in einem völlig neuen Takt. Wo sonst das trockene Rascheln von Arbeitsblättern und das monotone Surren des Beamers den Ton angeben, regiert heute ausgelassene Partyatmosphäre. Das biedere Gemäuer ist kaum wiederzuerkennen, während eine rotierende Diskokugel funkelnde Lichtmuster über die kalten Steinböden tanzen lässt.

Die Verwandlung der Aula

Wer dem Lichterspiel folgt und das Epizentrum der Party erreicht, merkt sofort: Es gibt Orte, die riechen nach großen Möglichkeiten. Eine Schulaula ist dafür eigentlich nicht bekannt, doch heute riecht sie vielmehr nach künstlichem Erdbeeraroma, verschwitzten T-Shirts, Bubble Tea, Center Shocks, süßem Deo, aufgewärmter Apfelschorle und der ungebändigten Energie von Fünftklässlerinnen und Fünftklässlern. Tritt man schließlich durch die Türen, wird man von einer warmen Wand aus Kinderlachen überrollt.

Schon beim Aufbau zeigt sich das: Der in die Jahre gekommene Steinboden wird von den Sitzmöbeln befreit und glitzert als shiny floor. Überall auf den flachen Stufen und dem Boden der Aula liegen grelle, pinke, blaue, gelbe, grüne und neonfarbene Luftballons. Anstatt sie ordentlich zuzubinden, werden viele der Luftballons einfach ohne Knoten kreuz und quer durch die Luft geworfen, was für Gelächter sorgt. Die JBL Partybox steht tapfer in der Ecke der Bühne und kämpft gegen die Akustik des weiten Raumes an.

Skibidi bop bop dob yes yes

Wer sich dem Luftballonhagel auf den Gängen entziehen möchte, findet oft Zuflucht an der aufgebauten TechnoPro-Tischtennisplatte. Hier liefern sich einige Schülerinnen und Schüler Duelle mit dem Ball, während im Hintergrund die musikalische Leitung der Aula alle Hände zu tun hat, um den Geschmack der Menge zu bedienen.

Dass die Veranstaltung nicht in Chaos endet, ist einem akribisch geführten Dienstplan zu verdanken. Die Verantwortung am Mischpult wird keineswegs dem Zufall überlassen, sondern in festen Zeitfenstern aufgeteilt. So eröffnet DJ Juliano pünktlich um 15:00 Uhr das musikalische Set. Im weiteren Verlauf des Nachmittags übernehmen dann verschiedene Duos die Kontrolle: Neben den „Bäd Girls“ treten um 17:20 Uhr auch die „Cute Girls“, bestehend aus Milana und Eva, an die Regler, um die Stimmung am Kochen zu halten. Den finalen Slot ab 17:40 Uhr sichern sich schließlich Pius und Jannis, die als „DJ Fritten“ den Endspurt der Party einläuten.

Die musikalische Untermalung dieses Nachmittags ist partyerprobt, aber manchmal auch ein Anschlag auf den guten Geschmack: Die Playlist reicht von „Skibidi Toilet“ und „Sigma Boy“, einer Art Crazy Frog der Generation TikTok, über „Vööööllig losgelöööööst von der Erde schwebt das Raumschiff völlig schwerelos“ zu „Dorfkinder“ von Finnel:

Wir sind alle Dorfkinder, scheiß auf eure Stadt Louis V ist krass, wenn man sonst nix andres hat Wir sind alle Dorfkinder, wissen, wie man's macht Eskalier'n in der Nacht und sind früh wieder wach

Doch die Ekstase beschränkt sich nicht nur auf die Tanzfläche. Wer sich unbeobachtet fühlt, nutzt die Gunst der Stunde: Lamaya und eine Freundin schleichen sich heimlich in den hinteren Raum der Aula, um dort ungestört zu naschen. Der Beutezug macht zwar Spaß, wird aber prompt mit Bauchschmerzen bestraft.

Währenddessen tobt auf den Fluren das Leben in seiner ganzen Härte: Pius und Milan spielen im Gang mit einem Fußball. Die Situation eskaliert, als ein Schüler den Ball spielerisch in den Bauch geschossen bekommt. Er krümmt sich theatralisch und brüllt minutenlang „Au, mein Rücken!“ durch die Gänge, was für Gelächter sorgt.

Auch die sonst so rigiden Schulregeln scheinen an diesem Abend ausgesetzt. Beim Fangenspiel mit Frau Spachmüller wird das Tabu schlechthin gebrochen: Die Lehrerin hat höchstpersönlich erlaubt, dass sich die Mädchen in den Jungentoiletten verstecken dürfen. Das ist Adrenalin pur, gepaart mit dem Reiz des Regelbruchs.

When the workin' day is done Oh girls, they wanna have fun.

Währenddessen rennen Tim und Rafael durch die Gänge, viel schneller als der Rest, und lassen manche aus der Puste zurück. Wer es ruhiger mag, zieht sich in das eigene Klassenzimmer zurück. Dort sitzen Amelie, Jannis und Pius gemütlich zusammen, malen auf Papier, futtern genüsslich Chips und erzählen sich Geschichten. Andere versinken für eine Weile unerlaubterweise in ihren Handys in einer Runde Brawlstars, während nebenan Wahrheit oder Pflicht und Galgenmännchen gespielt werden.

Dance The Night

Als der Abend sich dem Ende zuneigt, flackert das Licht der Discokugel leicht ermattet über die Schülerinnen und Schüler. Die Luft erstickt in einer Masse aus Erschöpfung, Schweiß und restaufgedrehtem Überzucker. Auf der Leinwand erscheint in der Spotify-Playlist der Klasse Zara Larssons „Lush Life“:

I live my day as if it was the last Live my day as if there was no past Doin' it all night, all summer.

Und dann passiert etwas, das kein Mädchen erwartet hat: Die Kens, die eben noch testosterongesteuert über Tische sprangen und sich gegenseitig mit Fußbällen abknallten, fangen im Barbieland an, sich im Takt zu bewegen. „Das Allerbeste war aber, wie die Jungs beim Werwolf zu Lush Life mitgetanzt haben“, wird später ein Mädchen als Highlight des Abends schreiben. Und diese Aussage ist nicht mal cool, sie ist nicht zynisch gebrochen. Sie ist einfach ehrlich.

Diese Sekunden des Loslassens sind die, die am längsten im Gedächtnis bleiben. Keine Matheformel und kein noch so wichtiger Vokabeltest kann auch nur im Ansatz mit dem Gefühl konkurrieren, wenn man zusammen mit seinen Freundinnen und Freunden zu den Klängen von „Peter Pan“ oder dem basslastigen „Zauberlehrling“ über die Tanzfläche fegt.

Gemeinsames Erlebnis

Doch diese kurze Zeit der Freiheit ist zerbrechlich. Irgendwann knistert die JBL-Partybox ein letztes Mal leise vor sich hin. Die grellen Neonlichter der Aula springen wieder an und zerstören die Illusion der Freiheit im Bruchteil einer Sekunde. Die Luftballons liegen schlaff, lustlos und zertreten als bunte Fetzen auf dem in die Jahre gekommenen Steinboden der Wirtschaftsschule. Das schüchterne Summen des Beamers ist plötzlich das einzige verbleibende Geräusch in der Aula.

Auch im Klassenzimmer der 5a hinter der Holzwand bietet sich ein ähnliches Bild: Der blaue Teppich gleicht einem Krümelmeer, auf dem ein paar Paprikachips zu einem rötlichen Staub zermahlen wurden. Doch die Truppe packt kräftig an, um das Chaos zu beseitigen. Alle verlassen die Schule dann in die Dämmerung hinein: Die Füße sind schwer, die Ohren klingeln leise und das Bauchweh dürfte seinen schmerzhaften Zenit erreicht haben. Wäre dieser Dienstagabend die Schlussszene eines Coming-of-Age-Films, würde die Kamera nun langsam in den dunkler werdenden Himmel schwenken und leise ein bekannter Klassiker einsetzen:

Wouldn't it be nice if we were older? Then we wouldn't have to wait so long And wouldn't it be nice to live together In the kind of world where we belong?

Was bleibt, ist ein gemeinsames Erlebnis, ein paar blaue Flecken mehr und die Gewissheit, dass das Leben nirgendwo so intensiv, so tragikomisch und so voller Widersprüche ist wie in einer fünften Klasse. Zumindest, bis am darauffolgenden Mittwoch der Schultag pünktlich um 07:55 Uhr mit der nächsten Stunde Englisch beginnt.

Marcel Proksch

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