Wie Schuhkartons in der Klasse 5a zu Märchenwelten werden
Märchen sind mehr als wahr: Nicht weil sie uns erzählen, dass Drachen existieren, sondern weil sie uns sagen, dass Drachen besiegt werden können.
Neil Gaiman Tweet
Es riecht oft nach dieser ganz spezifischen Melancholie deutscher Unterstufenklassenzimmer: Eine Mischung aus eingelagerten Sportschuhen, abgestandener Luft und dem süßlichen Aroma von rosa Glitzerkleber, der die verzweifelte Aufgabe hat, alles zusammenzuhalten, was im Grunde längst auseinanderfällt. Doch heute ist das in der Klasse 5a, hinter der Holzwand der Aula, anders. Wer die Tür zum Raum aufstößt, wird von leise wummernden Taylor-Swift-Songs und emsig arbeitenden Kindern begrüßt, die eine Wand aus frischem Waldmoos präparieren, Miniatur-Dachziegel mit flüssigem Heißkleber fixieren oder mit Wasserfarben einen Himmel malen.
Diese sinnlichen Eindrücke sind das Resultat einer besonderen Form der Textarbeit. Das Projekt „Märchen im Schuhkarton“ ermöglicht den Übergang eines flachen, gedruckten Textes in einen dreidimensionalen Erfahrungsraum. Die Schülerinnen und Schüler müssen die Geschichten nicht nur lesen: Um eine Szene in einen Karton zu bannen, bedarf es einer tiefgehenden Analyse. Welches Requisit ist für die Handlung wichtig? Welche Atmosphäre atmet der Wald? Wie positioniert man die Märchenfiguren, um ihre Beziehung zueinander auszudrücken? Um das darzustellen, werden abstrakte Worte gegen die Heißklebepistole getauscht.
Die handwerkliche Umsetzung schlägt eine Brücke zur oft altertümlichen Sprache der Erzählungen. Wer begreifen will, warum Aschenputtel leidet oder die Stadtmusikanten triumphieren, muss deren Welt zunächst selbst erschaffen. Durch das Bauen der Kulissen aus Naturmaterialien, Stoffresten und kleinen Figuren setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit dem literarischen Stoff auseinander. Ein dunkler Wald ist plötzlich nicht mehr nur Tinte auf Papier, sondern wächst aus echtem Moos und Zweigen heran. So gelingt das Kunststück, die grenzenlose Vorstellungskraft jahrhundertealter Erzählungen mit einfachen Mitteln auf die kompakten Maße von Schuhgröße 38 zu übertragen.
Das produktive Chaos der Entstehung
Ein Blick auf die zusammengeschobenen Arbeitstische offenbart das fruchtbare Chaos, das unweigerlich entsteht, wenn Kinder ihre Ideen in die Tat umsetzen. Wir befinden uns in der heißen Phase der Bearbeitung, jenem Moment, in dem aus vagen Vorstellungen und gesammelten Naturmaterialien etwas Echtes wird: Inmitten von Zeitungsschnipseln, Perlenboxen und kleinen Farbspritzern steht ein bechergrünes Wasserglas, in dem sich die Pinsel der ganzen Arbeitsgruppe immer wieder treffen. Dessen trübes Wasser zeugt von eifrig gemalten Wald- und Nachtszenen. Überall liegen kleine, mühsam zusammengetragene Holzstapel, Moos und Zweige bereit. Mit Klebestiften und Heißklebepistolen wird konzentriert hantiert, um die Landschaften zu fixieren.
Manche Schülerinnen und Schüler zeigen dabei eine bemerkenswerte Sorgfalt: Jeder kleine Ast und jedes Stückchen Grün wird genau geprüft, bevor es seinen endgültigen Platz im Karton findet. Aus einfachen Pappschachteln, die einst Schuhe beherbergten, werden so nach und nach dreidimensionale Schaukästen. Man merkt einigen Schülerinnen und Schülern an, dass es ihnen Freude bereitet, die gelesenen Texte nun auf eine ganz praktische, handfeste Art umzusetzen und eigene Lösungswege für gestalterische Probleme zu finden.
Vorhang auf für die Klassiker
Betrachtet man die ersten fertigen Werke, zeigt sich, wie unterschiedlich und einfallsreich die Klasse an die Aufgabe herangegangen ist und wie sie die Theorie in die Praxis übersetzt hat. In einer Ecke des Raumes wurde ein Karton kurzerhand zu einer klassischen Theaterbühne umfunktioniert: Hier sind die „Bremer Stadtmusikanten“ zu Hause. Mit leuchtend roten Stoffresten, die als Vorhänge dienen und stilvoll mit weißer Kordel zur Seite gerafft wurden, ist eine einladende Kulisse entstanden. Dies hebt die dramaturgische Bedeutung der Szene gekonnt hervor.
Der Schuhkarton einer anderen Schülerin zeigt eine wehrhafte Ritterburg. Die dunklen Papiertürme dominieren den Hintergrund, während der äußere Rand der Box mit einer Kette aus orangefarbenen und blauen Knetkugeln verziert wurde. Ein paar Tische weiter residiert der Froschkönig an einem Brunnenrand. Dieser wurde in geduldiger Kleinarbeit aus echten Kieselsteinen zusammengesetzt, die extra für dieses Projekt gesammelt wurden. Gleich daneben steht ein winziges Papphäuschen, dessen Fensterläden mit ausgeschnittenen Herzen versehen sind.
Zwischen dunklem Wald und harter Realität
Auch die klassischen Waldmärchen dürfen in dieser Sammlung nicht fehlen. Bei der Umsetzung von „Rotkäppchen“ hat der Schöpfer geschickt mit Naturmaterialien gearbeitet, um die Atmosphäre der Geschichte treffend einzufangen. Ein feinsäuberlich gestreuter, sandfarbener Pfad führt durch ein dichtes Bett aus grünem Waldmoos direkt auf das Haus der Großmutter zu. Filigrane Farnblätter wirken aus der Froschperspektive der winzigen roten Playmobilfigur wie große, schattenspendende Bäume. Am blau gemalten Himmel kleben flauschige, weiße Wattebäusche als Wolken. Diese Umsetzung zeigt, wie gut die Kinder die Stimmung des Märchens mit einfachen Mitteln transportieren können.
Einen inhaltlichen Kontrast bietet der „Aschenputtel“-Schuhkarton. Hier hat die Erbauerin bewiesen, dass sie das Märchen auch auf einer tieferen, emotionalen Ebene verstanden hat. Die Innenwände des Kartons sind mit goldglänzender Folie als ein passendes Symbol für die unerreichbare, herrschaftliche Welt des Schlosses ausgekleidet. Mittendrin, auf einem kleinen Teppichrest, sitzt jedoch die Hauptfigur in ihrer einfachen Arbeitskleidung. Um die harte Arbeit des Mädchens zu verdeutlichen, wurden der Puppe mit etwas dunkler Farbe kleine Flecken als Ruß ins Gesicht gemalt. Sie ist umgeben von winzigen weißen Spielzeugtauben sowie kleinen Schalen, die bis zum Rand mit echten Linsen und Erbsen gefüllt sind. Ein handgeschriebener Zettel an der Wand zitiert passend eine Zeile aus dem Text: „Die Wangen sind mit Asche beschmutzt …“. Dieses Detail beweist den Wert des Projekts: Einige Schülerinnen und Schüler haben nicht nur oberflächlich gebastelt, sondern sich intensiv mit dem literarischen Stoff auseinandergesetzt.
Ein Archiv der Fantasie
Am Ende dieser Projekttage kehrt vor den Faschingsferien langsam wieder Ruhe im Klassenzimmer der 5a ein. Die Werkzeuge werden weggeräumt, die Farbtupfer auf den Tischen abgewischt und die restlichen Papierschnipsel zusammengefegt. Die fertigen Werke dürfen nun in die Schaukästen der Schule umziehen. Dort stehen sie jetzt dicht an dicht. Im Vorbeigehen können die Schülerinnen und Schüler ihre Arbeiten mit berechtigtem Stolz betrachten.
Aus einfachen Schuhkartons sind kleine Welten geworden, die das Erbe der Gebrüder Grimm auf kindgerechte Weise neu interpretieren. Wenn man im fahlen Licht des Nachmittags an den Schaukästen entlanggeht, sieht man die unzähligen Stunden der Arbeit, die kleinen Herausforderungen beim Kleben und Bauen und die große Freude über das fertige Ergebnis. Die Märchen mögen Hunderte von Jahren alt sein, doch in der 5a wurden sie greifbar gemacht. Sie erinnern an eine geschäftige Schulwoche, in der Leseförderung Hand in Hand mit kindlicher Fantasie ging. Oder, um es passend zum Zauber dieses Projekts mit einer Zeile von Taylor Swift abzuschließen: „Long live all the magic we made.“
Marcel Proksch