It’s your world to understand

„Everything you’ve done in your entire life leads to this moment right here“

Wenn einen die weltpolitische Lage deprimiert, soll man sich angeblich die Ankunftshalle im Flughafen Heathrow ins Gedächtnis rufen. So säuselt es zumindest Hugh Grant in Tatsächlich … Liebe aus dem Off. Dort, zwischen Kofferbändern und zollfreiem Alkohol, sehe man, dass die Welt gar nicht aus Hass und Habgier bestehe, sondern aus Vätern und Söhnen, Müttern und Töchtern, die sich weinend in die Arme fallen. Das ist ein rührender Gedanke, der im Dezember auf dem Sofa hervorragend funktioniert, aber in der Realität meistens schon an überteuerten Brezeln und verspäteten Anschlussflügen zerbricht.

Eigentlich besteht unsere gesamte Popkultur zu großen Teilen aus solchen Liebeserklärungen an das eigene, verlässliche Mittelmaß. Herbert Grönemeyer füllt Stadien „tief im Westen“, indem er seine Zuneigung zum betongrauen Bochum brüllt. Auch Peter Fox ruft seinem nie erwachsen gewordenen Berlin ein „Guten Morgen“ entgegen. Und seien wir ehrlich: Wer jemals abseits von John Denvers Romantik auf den echten „Country Roads“ in West Virginia stand, weiß, dass die Realität weitaus weniger stimmungsvoll ist, als uns der Song weismachen will.

Wenn man nach wahrhaftiger Hingabe sucht, taugt die raue Erwachsenenwelt mit ihrer kalten Nutzenmaximierung ohnehin wenig. Die echte, rohe Variante dieser Liebeserklärungen findet man woanders: Nämlich dann, wenn man Kindern zuhört. Genauer gesagt, wenn sich Sechstklässlerinnen und Sechstklässler neben ihre mühsam zusammengeklebten Plakate stellen, leicht erröten, sich räuspern und weitab jeglicher Ironie ihre Bewunderung für die Dinge beschwören, die ihre kleine Welt im Innersten zusammenhalten.

Für Ben zum Beispiel hat die Heimat vier Pfoten und hört auf den Namen Cosmo. Wenn er vor die Klasse tritt, wird mit Superlativen um sich geworfen: Ben referiert über die gewaltige Beißkraft des Kangals von 743 PSI und doziert darüber, dass der Geruchssinn eines Hundes bis zu 100.000 Mal feiner sei als unser eigener. Und spätestens, als sein Leopard-Labrador-Mischling live im Klassenzimmer den Trick „Bei Fuß“ vorführt und elegant um ihn herumläuft, wird jedem klar: Zuhause ist für Ben exakt dort, wo Cosmo wedelt.

Eine ähnliche Fürsorge fordert Cassandra für ihre Kaninchen ein. Sie macht deutlich, dass ein Heim für zwei dieser Tiere zwingend eine Grundfläche von mindestens sechs Quadratmetern aufweisen muss. Heimat bedeutet in der Welt der Kaninchen vor allem Schutz vor Fressfeinden wie Füchsen oder Mardern und eine monatliche Zufuhr von drei bis fünf Kilogramm Heu.

Milans Italien ist geprägt von den architektonischen Meisterleistungen der Römer. Allen voran thematisiert er das Kolosseum, dessen Mauern seit zweitausend Jahren stabiler stehen als die Brandschutzanlagen des Flughafens Berlin-Brandenburg bei dessen Eröffnung. Weil Liebe zur Heimat in Italien vor allem durch den Magen geht, hat er original italienisches Eis mitgebracht und an die ganze Klasse verteilt. Die Klasse lernt, dass die weltberühmte Pizza Margherita im Jahr 1889 von dem Bäcker Raffaele Esposito in den Farben der italienischen Flagge mit grünem Basilikum, weißem Mozzarella und roter Tomatensoße kreiert wurde. Zum Schluss weist Milan, da er wahrscheinlich die deutsche Kaffeekultur kennt, mit einem Augenzwinkern darauf hin, dass ein Cappuccino nach zwölf Uhr mittags in Italien eine Todsünde sei.

Für Felix sind das Zuhause die verschneiten Gipfel. Wer ihm zuhört, wie er den Unterschied zwischen dem „Pflug“ und dem „Parallelschwung“ darstellt und die Annehmlichkeit eines modernen Sessellifts mit Sitzheizung und Haube preist, spürt: Der eisige Berg muss sein Wohnzimmer sein.

Ivan hingegen verdichtet seinen Sehnsuchtsort auf die Maße einer Tischtennisplatte. Das ist ein Sport, bei dem regulär bis exakt elf Punkte gespielt wird und der derart viel Konzentration erfordert, dass er sogar bei den Olympischen Sommerspielen mit dabei ist.

Dass man seiner Heimat auch dann verbunden bleibt, wenn man längst in die weite Welt hinausgezogen ist, beweist das Porträt des ukrainischen Ausnahmestürmers Andrij Schewtschenko. Nach seiner Karriere, die ihn von Dynamo Kiew zum AC Mailand führte, endete seine Geschichte nicht auf einer Jacht im Ruhestand. Er kehrte zurück, wurde Nationaltrainer und ging später in die Politik, um inmitten widrigster Umstände Verantwortung für sein Land zu übernehmen.

Für einen anderen Schüler liegt das Epizentrum der Weltgeschichte unangefochten in Zwickau, wo August Horch im Juli 1909 die Marke Audi aus der Taufe hob. Da er seinen Nachnamen rechtlich nicht mehr für seine Firma nutzen durfte, übersetzte er ihn kurzerhand ins Lateinische und schuf so eine Legende, die heute als 162.000 Euro teurer Audi V10 Spyder mit 340 km/h über die A71 bis zur nächsten Großbaustelle brettert.

Selbst eine Dose Energy-Drink kann zur Heimat werden, wie Samiras Vortrag über Red Bull zeigt. 1987 wurde das Getränk in Österreich eingeführt und durch einen thailändischen Wachmacher inspiriert. Die Marke sponsert heute Extremsportmomente wie den Stratosphärensprung von Felix Baumgartner aus dem Jahr 2012 und bietet fast 22.000 Mitarbeitern ein Dach über dem Kopf.

Und dann ist da noch Emily, die jeden tief in ihre Manga-Welt von „Demon Slayer“ zerrt, in der der junge Tanjiro Kamado das verliert, was all diese Referate feiern, nämlich sein sicheres Zuhause. Nachdem seine Familie ermordet worden ist, kämpft er mit seinem aus dem Erz des Berges Yoko geschmiedeten Katana darum, seine in einen Dämon verwandelte Schwester Nezuko zu retten.

Als die letzten Plakate eingerollt werden und die fahrbare Wand ins Archiv zurückkehrt, bleibt eine Gewissheit im Raum: Herbert Grönemeyer mag sein Bochum haben, Peter Fox sein raues Berlin. Die Klasse 6b aber hat Cosmo den Labrador, die neapolitanischen Pizzen und den 6.961 Meter hohen Aconcagua. Die Schülerinnen und Schüler haben mit ihren Präsentationen bewiesen, dass Heimat kein Wohnsitz im Melderegister und keine Worthülse ist. Sie ist eine Festung, die man sich aus seinen Hobbys, Träumen und Tieren erbaut. Dabei ist es egal, ob man einer Popikone oder einem Zwölfjährigen zuhört. Die Regel bleibt am Ende dieselbe: Heimat ist das, wovon man mit glänzenden Augen erzählen kann.

Marcel Proksch

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